Cebit – schafft die Grande Dame den Wechsel?

Gabriele Horcher, 25.06.2018

Gabriele Horcher Vortrag auf der Cebit 2018

Cebit Expert Stage: 120 Teilnehmer beim Impuls-Vortrag „Künstliche Intelligenz in Sales und Marketing

1992 war ich das erste Mal auf der Cebit. Die Messe war damals schon riesig und hatte doch nicht genug Raum. In der Halle 1, der mit 70.300 Quadratmetern damals größten Messehalle der Welt, gab es zwei- manchmal sogar dreistöckige Messestände, die bis dicht unter die Decke reichten. Wenn der Andrang in der Halle besonders groß war, bekam man oben kaum noch genug Sauerstoff. Selbst auf dem Dach der Halle 1 waren zusätzlich Pavillons errichtet, um tagsüber Gesprächs- oder Vortragsräume zu haben und um nachts andere Annehmlichkeiten einer Messe zu genießen. Denn für eine florierende, internationale Messe waren die Messehallen eigentlich viel zu weit vom Leben der Stadt entfernt.

Einmal haben wir auf einer Pressekonferenz für die Journalisten ein „Cebit-Survival-Pack“ zusammengestellt. Es bestand aus einem Alka-Seltzer, Traubenzucker, Halsbonbons, Blasenpflaster und einem Kondom (in Corporate Color). Eben alles, was man zum Überleben auf der weltgrößten Computermesse brauchte.

Nun, die rauschenden Jahre der Cebit sind vorbei. Aber die Messe erfindet sich gerade neu.

40 Prozent weniger Besucher – ein voller Erfolg?

1986 wurde die Cebit das erste Mal als eigenständige Messe veranstaltet. Mit einem Durchschnitt von 156 Besuchern pro Aussteller war die aus der ‚Hannover Messe‘ ausgelagerte Cebit ein voller Erfolg. Am letzten Messetag wurden nun die offiziellen Zahlen für 2018 mit 120.000 Besuchern angegeben. Das ergibt nur noch einen Durchschnitt von 45 Besuchern pro Aussteller. Ist das noch ein Erfolg?

Was sich auf jeden Fall geändert hat, ist, dass viel mehr junge Menschen Mitte Zwanzig da waren. Und ich habe auch viel mehr Frauen gesehen. Was die neue Cebit also auf jeden Fall geschafft hat, ist ein gemischteres Publikum anzuziehen.

Nur, wer etwas Cooles macht, bekommt coole Besucher

Wer aber als Austeller sein altes Messekonzept nur renoviert, wird auch durch ein neues Messekonzept und das gemischtere Publikum nicht erfolgreicher.

Meine Mutter sagte immer zu mir ‚Du Spielkind‘, weil ich alles anfassen und ausprobieren wollte. Heute weiß ich, ich bin nicht alleine! Auf allen Messeständen, auf denen etwas angefasst oder ausprobiert werden konnte, man ein Erlebnis hatte, war es voll. Mir einfach nur etwas anzusehen, das kann ich auch im Internet. Ja, natürlich sind auch die persönlichen Gespräche wichtig, einen Branchentreff zu haben, aber das macht heute keinen Stand mehr voll.

Ich bin ein wirklich großer Fan davon, etwas Digitales analog begreifbar zu machen und am besten noch mit Emotionen zu verknüpfen. Damit hat man die besten Chancen im Kopf der Menschen zu bleiben. Ich bin mit Freude das Riesenrad von SAP gefahren und habe mich glücklich gefühlt, eine andere Perspektive und einen Überblick zu haben. Ich weiß nicht, ob das tatsächlich die Intention der SAP war. Wenn ja, dann herzlichen Glückwunsch!

Nur mal so eine Idee: Wenn ich z. B. ‚nur‘ ein schönes VOIP-Telefon ausstelle, ist das heute nicht spannend genug. Wenn ich aber auf dem Messestand mit dem schönen Telefon einen Prominenten anrufen kann, ihm zwei Fragen stellen darf oder ein kurzes persönliches Ständchen gesungen bekomme, werde ich meinen Enkelkindern noch davon erzählen. Und außerdem hätte ich mich so überzeugen können, dass die Verbindungsqualität super ist. Solche Standkonzepte sind heute gefragt.

Gabriele Horcher Vortrag Cebit 2018

Cebit Expert Stage: Impuls-Vortrag „Künstliche Intelligenz in Sales und Marketing“ zieht Marketingleiter, Influencer und Blogger an.

Die Cebit als Kongressmesse?

Um sich zu verbessern, muss man seine Stärken. Die Cebit hat in diesem Jahr allerdings etwas versucht, was nicht zu ihren ausgesprochenen Stärken gehört.

Was mal 1992 als Serie von Firmenvorträgen begann und 2014 als begleitende Cebit Global Conference mit 140 Sprechern nur 3.000 Besucher anzog – das sind im Durchschnitt nur 21 Teilnehmer pro Vortrag – wurde im Jahr 2018 deutlich ausgeweitet.

Nicht falsch verstehen, ich bin stolz und glücklich, dass ich auf der Cebit sprechen durfte. Aber dadurch, dass sich auch Unternehmen mit Vorträgen einkaufen konnten und es dann insgesamt 600 Vorträge wurden, verbessert sich die Qualität der Vorträge nicht automatisch. Und wer nicht auf die Qualität achtet, der bekommt bei Events auch keine Quantität in der Zuhörerschaft.

Ich war entsetzt, als sich der Redner direkt vor meinem Vortrag mit nur 5 Teilnehmern begnügen musste, und extrem erleichtert, als die mit 100 Sitzen bestuhlte Expert Stage für meine Zuhörer gar nicht ausreichte. Zugegeben, mein Impuls-Vortrag „Künstliche Intelligenz in Sales und Marketing“ hat sich schon deutlich von dem Fach-Vortrag vorher unterschieden.

Aber hier ist auch das eigene Engagement wichtig. Bereits vier Wochen vor dem Vortrag habe ich angefangen, dafür zu trommeln. Das Bekanntmachen muss jeder Vortragende selbst in die Hand nehmen. Die Cebit kündigt bei 600 Vorträgen nur die heißesten Keynotes an. Die Cebit ist eben nach wie vor kein Kongress – die Vorträge sind natürlich nur ein begleitendes Programm zur Messe.

Der neue Termin der Cebit

Der ist top! Endlich mal eine Cebit bei der man sich nicht draußen mit einem langen Mantel verhüllen muss, um dann wieder in eine überheizte Halle zu gehen und garantiert eine Erkältung zu bekommen.

Mein persönliches Fazit

Die Cebit bietet – speziell auch mit den großartigen Möglichkeiten des Außengeländes – einen schönen neuen Rahmen an. Mit was die Aussteller den Rahmen füllen, liegt zwar eigentlich in deren eigener Verantwortung. Die Messe wäre allerdings gut beraten, den Ausstellern ganz konkrete Hilfestellungen zu geben, wie sie sich in einem neuen Messekonzept aufmerksamkeitsstärker präsentieren können. Das gehört meiner Meinung nach zu den Aufgaben, denen sich auch die Cebit zukünftig stärker stellen muss.

Autor: Gabriele Horcher

Geschäftsführerin der Möller Horcher PR GmbH

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